Reinventing the Wheel

Diese Seite ist ein Versuch, Bewegung im digitalen Raum anders erfahrbar zu machen – nicht nur durch das, was du liest, sondern durch die Art, wie du dich hindurch bewegst.

eine irritation der ruhe

Part Eins

Mein Blick fällt auf den großen Baum vor meinem Fenster. Es ist der erste Morgen nach meinem Umzug und mein Fenster umrahmt diesen großen Baum als sei er ein Gemälde. Fast still steht er da. Hinter ihm leuchtet der blaue Himmel und obwohl er hoch gewachsen ist scheint ihn heute kein einziger Windstoss verführen zu können. Diese Ruhe irritiert mich. Seine Bewegung ist langsam. Wohingegen meine letzten Monate nur so an mir vorbeirannten, eine Abfolge von Benachrichtigungen, Termine und Bildern so schnell, dass sie rückblickend leer bleibt. Es scheint als sei alles in Bewegung und doch bleibt sie unsichtbar.

Blick aus dem Fenster Berlin 2026

Mein zweiter Blick fällt auf das Fenster in meiner Hand, auch hier wird die Welt gerahmt. Nachrichten und Bilder ziehen an mir vorbei, schneller als ich sie verarbeiten kann. Geschwindigkeiten existieren hier inmitten eigener Regeln. Während die Bewegungen des Baum beeinflusst wird durch Licht, Wind und Jahreszeit scheint hier ein Raum zu existieren in der Bewegung keinerlei Widerstand hat, immer in Bereitschaft für den nächsten Sprint. Die Daten und die Geschwindigkeit mit der wir sie empfangen entziehen sich dabei längst dem körperlich erfahrbaren. Wir lösen uns von einer Wahrnehmung der Geschwindigkeit und sind doch schneller als je zuvor.

Wenn ich laufen gehe ziehen die Bäume der Allee an mir vorbei. Ich spüre einen Wechsel von Erdboden im Park hin zu der Betonierter Straße. Mein Atem erhöht sich, wird schneller, das Schlucken schwieriger. Mir wird warm, so dass ich anfange zu schwitzen. Der Körper stell Orientierungspunkte bereit, wenn es darum geht ein Geschwindigkeit zu erfahren. Unsere Sinne sind dabei im vollen Einsatz. Wie eine Art Warnsystem achten sie darauf das wir nicht über eine Geschwindigkeit gehen, welche uns schaden würde. Wir schalten runter, werden langsamer, unser Atem flacher.

Während unser Körper im physischen als Messinstrument dient, verliert er im Digitalen seine Funktion. Eine kleine Anstrengung der Fingermuskel erlaubt es uns, uns durch tausende von Inhalten zu bewegen. Diese Bewegung jedoch kennt keine Ermüdung, keinen Atem und keinen Puls. Eine körperloses Bewegung welche durch das scrollen übersetzt wird. Glatte optimierte Oberflächen und ohne Hindernisse gleiten wir durch die Inhalte unserer Smartphones und Laptops. Vorwärts und Rückwärts rennen wir ohne Erschöpfung und ohne Referenzpunkt für unsere Geschwindigkeit.

Wo kein Widerstand ist, verlieren wir das Gefühl für Geschwindigkeit. Und wo kein Maßstab existiert wird Beschleunigung zur Normalität.

Wie könnte eine Form digitaler Bewegung im Digitalen Raum und damit des scrollen aussehen. Eine bei der es nicht um Effizienz und größtmöglichen Konsum geht. Sondern bei welcher wir der Geschwindigkeit mit der wir uns bewegen wieder bewusster werden.

als der raum noch widerstand leistete

Part Zwei

Vor der technologischen Beschleunigung moderner Transportmittel, sogar noch vor der Einführung standardisierter Zeitmessung, wurde menschliche Bewegung wesentlich durch die Landschaft bestimmt, in der sie stattfand. Flache Ebenen beschleunigten die Bewegung, Hügel bremsten sie, Gebirge zwangen sie, ihre Richtung zu ändern. Die Landschaft selbst strukturierte die Bewegung und damit auch die Geschwindigkeit.

Bewegung braucht Orientierungspunkte, um Fortschritt sichtbar zu machen und Richtungen zu bestimmen. Berge, Sterne, Gebäude oder Sonne dienten als sichtbare Anker, an denen sich Bewegende orientieren konnten. Erst wenn ein Fluss überquert oder ein Turm am Horizont näher rückte, entstand ein Gefühl dafür, tatsächlich Distanz zurückgelegt zu haben. Aus solchen räumlichen Orientierungspunkten ergab sich auch ein Gefühl für Zeit. Die Dauer einer Bewegung wurde meist über die Distanz beschrieben. Als eine Tagesreise, einen Fußweg oder die Strecke zwischen zwei Orten. Distanz wurde zu einer Art Maßeinheit für Zeit.

Bei Überwindung dieses Raums wird neben den Landmarken auch unsere Körper zu einem Messinstrument unserer Bewegung. Die Ermüdung der Muskeln, das schnellere Atmen und die schwerer werdenden Augenlider sind, heute wie damals Sensoren unserer Geschwindigkeit. Bewegung wurde damit nicht nur durch den Raum strukturiert, sondern auch durch die körperlichen Grenzen derjenigen, die ihn durchquerten. Bewegung wird nicht absolut wahrgenommen, sondern in einem Verhältnis zu etwas.

Weltzeit Konferenz, New York Times, December 1913
Weltzeit Konferenz New York Times December, 1913

Die Emanzipation der Zeit vom Raum, so wie der Soziologe Hartmut Rosa es in seinem Buch über die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne beschreibt1, wurde maßgeblich durch die Erfindung und Verbreitung der mechanischen Uhr ermöglicht. Sie erlaubte es Zeit unabhängig vom Orten zu messen und damit räumlich zu lösen. Wichtige Schritte auf diesem Weg waren die Internationale Meridian-Konferenz von 1884 in Washington, und die 1912 internationale Zeitkonferenz in Paris welche zu einer einheitlich synchronisierten Weltzeit führten und damit eine eigenen und gleichberechtigten Weltdimension festigte. Arbeitszeiten und Produktionsrhythmen wurden nicht mehr bestimmt von Tages- oder Jahreszeiten sondern von dem abstrakten Gebilde der Zeit.

Während die Standardisierung der Zeit unsere Wahrnehmung veränderte, wurde vor allem der Raum, in dem wir uns bewegen, durch die Beschleunigungsrevolution im Transportwesen erfahrbar geschrumpft.2 Mit der Erfindung der Eisenbahn konnten Distanzen in kürzerer Zeit überwunden werden. Die Bedeutung räumlicher Entfernung verlor dadurch zunehmend an Einfluss.3 Wie der Historiker Reinhart Koselleck anhand eines Brockhaus-Eintrags zur Eisenbahn zeigt: „Denn alle Räume sind nur durch die Zeit, deren wir bedürfen, um sie zu durchlaufen, Entfernungen für uns.“4 Reisen, die zuvor mehrere Tage oder Wochen dauerten, konnten nun innerhalb weniger Stunden zurückgelegt werden. Diese Zeit-Raum-Kompression entwickelte sich mit der späteren Erfindung des Autos und des Flugzeugs so weit, dass sich die Welt seit dem 18. Jahrhundert gewissermaßen auf ein Sechzigstel ihrer ursprünglichen Größe verkleinert hat.5

Schrumpfung des Raumes durch die Beschleunigung des Transports
Schrumpfung des Raumes
durch die Beschleunigung des Transports
David Harvey, The Condition of Postmodernity 1990

Diese Entwicklung war jedoch nicht allein das Ergebnis technischer Innovationen, sondern stand auch im Zusammenhang mit der Dynamik moderner kapitalistischer Gesellschaften, die auf Wachstum, Effizienz und eine stetige Beschleunigung von Produktion und Austausch angewiesen sind.

Mit der technologisch beschleunigten Kommunikation durch das Telefon und später das Internet erreichen wir schließlich unseren heutigen Ausgangspunkt. Hier scheint der Raum längst obsolet geworden zu sein.6 Entscheidend ist nun weniger, von wo aus Daten gesendet oder empfangen werden, sondern wann sie verfügbar sind. Nach Hartmut Rosa kehrt diese Revolution der Transmission die Logik der Transportrevolution gewissermaßen um.7 Während die Transportrevolution darauf abzielte, Menschen und Güter in wachsender Zahl über die Erdoberfläche zu bewegen, versucht die Transmission, Inhalte zu vervielfältigen und von nahezu jedem Ort aus zugänglich zu machen. In diesem Prozess verlieren wir, wie der Medientheoretiker Paul Virilio sagt, nicht nur den Raum, sondern auch der Körper mit welchem wir sonst die Raumqualitäten wahrnehmen und Bewegung erfahrbar machen konnten.

Landing of the Atlantic Cable Robert Charles Dudley 1866

rasender
stillstand

Part Drei

Mein Körper ist still. Mit einer Bewegung meines Daumens sprinte ich los. Der Raum zieht an mir vorbei. Er verändert sich, wird länger, kürzer, breiter, dünner. Wo ich bin, weiß ich nicht mehr genau. Zeit, die eben noch verging, schrumpft zu einer kleinen Zahl in der rechten oberen Ecke meines iPhones. Nicht nur die Bewegung hat sich verändert – auch der Raum in dem sie stattfindet, ist ein anderer geworden.

Seit der Erfindung des Cyberspaces versuchen wir diesen besser zu verstehen. Wie beschreibt man einen Raum ohne Gewicht, der keinen festen Ort kennt und doch überall zugleich scheint? Debatten und Projekte wie diese benutzen Metaphern um ein Bild zu erzeugen welches wir besser verstehen können. Das Internet wird zur Datenautobahn, Plattformen werden zu virtuellen Städten und Benutzer zu Wanderern auf ihrem Weg hindurch.1 Geografen des Digitalen Raums benutzen diese Metaphern um bekannte Orientierungssysteme wie zum Beispiel Karten aus dem physischen Raum ins digitale zu transferieren und damit den neu gewonnenen Raum zu materialisieren.2 Wir zeichnen Karten, wo keine Landschaft zu bewundern ist, und legen Wege, wo keine Distanz vorhanden ist.

Web Forager 3-D information spaces User Interface Research Group 1996

Doch diese Metaphern sind längst mehr als nur Hilfsmittel geworden. Sie prägen nicht nur unser Denken, sondern auch die Art, wie wir uns in diesem Raum bewegen. Denn sie suggerieren uns eine Orientierung die wir eigentlich nicht besitzen. Zwar existieren im digitalen Raum Strukturen, die uns leiten – Feeds, Algorithmen, sichtbare Marker wie Likes oder Fortschrittsanzeigen. Doch sie ersetzen keine räumliche oder körperliche Orientierung. Sie sagen uns nicht, wo wir sind, wie weit wir gegangen sind oder wohin wir uns bewegen. Stattdessen lenken sie unsere Aufmerksamkeit von einem Inhalt zum nächsten, ohne dabei einem wirklichen Ziel hinterherzulaufen.

Der digitale Raum entzieht sich den Eigenschaften, die den physischen Raum strukturieren. Es gibt keine Distanz, die überwunden werden muss, kein Dazwischen, das durchquert wird, keinen Horizont, auf den ich mich zubewege. Inhalte erscheinen und verschwinden, werden ersetzt, verschoben und neu angeordnet. Autoplay und endlose schleifen an Content, treiben dabei durch mich hindurch. Der Raum ist nicht stabil, sondern verändert sich mit jeder Bewegung meines Daumens. Er ist keine Landschaft mehr, sondern verwandelt sich in eine glatte Oberfläche, welche zu greifen kaum möglich ist. Die Bewegung im Digitalen definiert sich dabei vor allem über die Inhalte. Informationen bauen sich schneller vor uns auf als wir jemals in der Lage wären zu konsumieren. Stattdessen baut sich eine Abfolge auf, ein Strom aus Daten welche ohne ein Ende existiert und in dem Konsum selbst zur Bewegung wird.

In dieser Bewegung wird nicht umbedingt das einzelne Medium schneller wahrgenommen. Vielmehr entsteht ein Zustand, in dem immer schon das Nächste folg. Ein Davor und Danach was nie abreißt. Der Kapitalismus funktioniert dabei als Motor eines Systems das darauf ausgelegt ist, mehr Inhalte und damit mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Plattformen werden darauf optimiert den Konsumierenden länger zu binden. Die Konsequenz ist eine Bewegung die nicht aufhört. Sie setzt sich fort ohne Distanz, ohne Maßstab und ohne Erfahrbarkeit. Die Geschwindigkeit mit welcher wir uns dabei bewegen wird nicht schneller, sondern es entsteht ein Bewegung ohne Pause und ohne Ende. Gelöst von Körperlichen und Räumlicher Orientierung erschöpfen wir nicht unsere Körper sondern auch unsere Wahrnehmung.

Maze Screensaver Windows 95

von ersten und letzten strahlen

Part Vier

Noch bevor erste Sonnenstrahlen die Stadt zum Leben erwecken, gibt es Vögel, die anfangen zu singen. Nicht, weil die Sonne aufgeht, sondern weil das Licht der Stadt es ihnen vorgaukelt. Straßenlaternen verschieben ihren Rhythmus, lösen ihn aus dem Takt der Natur und setzen ihn in einen künstlichen Zusammenhang. Was für den Vogel eine Irritation ist, ist für uns längst Normalität geworden.

Bevor Zeit durch Zahlen greifbar war, gab es einen Zyklus, der unser Leben strukturierte. Er bestimmte nicht nur Bewegung und Aktivität, sondern vor allem die Pausen dazwischen. Dunkelheit war keine bloße Abwesenheit von Licht, sondern eine Grenze, die Handlungen verlangsamte, verschob oder unmöglich machte.

Totale Finsternis herrscht heute nur noch an Orten wie der Sahara, dem Amazonas oder Sibirien, wo nur wenige, meist gar keine Menschen ihre Augen öffnen. Wie der World Atlas of Night Sky Brightness zeigt, leuchten große Flächen Europas, Amerikas, Asiens und des Mittleren Ostens selbst aus dem Weltall sichtbar auf. Wir leben in einem Meer aus künstlichem Licht, das es uns ermöglicht, diesen Takt der Natur zu ignorieren. Die Möglichkeiten, die daraus entstanden sind, sind offensichtlich. Der Tag endet nicht mehr, sondern wird fortgesetzt. Licht begleitet uns durch den Abend, Bildschirme verlängern unsere Aufmerksamkeit bis tief in die Nacht. Es ist ein Zustand, der sich selbstverständlich anfühlt, weil er kontinuierlich geworden ist.

Light Pollution Map Jurij Stare 2015

Doch der Körper folgt weiterhin einem anderen Rhythmus. Er bleibt an den Wechsel von Licht und Dunkelheit gebunden. Hormone wie Melatonin reagieren sensibel auf Helligkeit, insbesondere auf das blaue Licht digitaler Displays. Wir überschreiten unbewusst Grenzen und ignorieren die daraus entstehende dauerhafte Erschöpfung.

Innerhalb des digitalen Raums existiert kein Zyklus mehr. Inhalte sind jederzeit verfügbar, Interfaces bleiben konstant, unabhängig von Tageszeit oder Umgebung. Nacht, Widerstand und Unterbrechung sind hier nicht vorgesehen. Wir verwirren unseren Körper, so wie es die Straßenlaternen mit den Vögeln machen. Die Orientierung, die wir uns geben, entsteht höchstens durch einen Wechsel des Interfaces, der von Weiß zu Schwarz wechselt. Dieser Wechsel ist jedoch lediglich ein Hinweis auf einen langen Tag und eine lange Nacht.

Was würde es bedeuten, diesen verlorenen Takt wieder einzuschreiben? Wenn digitale Räume nicht permanent zugänglich wären, sondern sich öffnen und schließen würden. Wenn der Bildschirm in unseren Händen an die untergehende Sonne vor unseren Fenstern gekoppelt wäre. Der Sonnenuntergang könnte uns langsam signalisieren, uns auf den Schlaf vorzubereiten, bevor das Internet am Ende des Tages in wirkliche Dunkelheit übergeht und vielleicht auch die Vögel wieder zur richtigen Zeit zu singen beginnen.